Bettina Camilla Verstergaard bündelt in ihrer Fotoarbeit Notes on the Most Beautiful mehrere Repräsentationsformen und Zugangsweisen zu einem ihr fremden Ort. Im Herbst 2010 reiste sie nach Ägypten, um sich in der dicht besiedelten Stadt Kairo mit öffentlichen Plätzen und Räumen auseinanderzusetzen. Sie kam mit verschiedenen Bewohnern ins Gespräch und fragte nach deren ganz persönlichen Lieblingsplätzen, die sie anschließend aufsuchte und fotografierte. Für sich allein betrachtet zeigen die so entstandenen Aufnahmen Orte, die überall zu finden sein könnten – ein Gewässer mit Segelbooten, ein verfallenes Treppenhaus, ein Stück Landschaft, ein Schrottplatz. Die Absenz von Alltagsgeschehen ermöglicht keine geografische Einordnung; Spuren wie Textfragmente, Straßenschilder oder Läden, die bei der Suche nach einer bestimmten Region helfen könnten, findet der Betrachter nicht. Lediglich die südlich anmutende Vegetation gibt wage Hinweise darauf, wo die Fotografien entstanden sein könnten.

Im Ausstellungsraum wird Orientierung geboten, indem die einzelnen transkribierten Interviews mit Aufnahmen des jeweiligen Ortes verschiedene Gruppierung bilden, wodurch eine intermediale Zusammengehörigkeit offensichtlich wird. Die Texte besitzen ihren eigenen Rahmen, der sie auf die Stufe der Bilder hebt und als werkimmanent markiert. Die unverkennbaren Parallelen zwischen Gesprächsaussage und Bildgegenstand rufen schließlich die Gewissheit hervor, dass die den Texten zugeordneten Aufnahmen den Ort zeigen, der ursprünglich mündlich beschrieben wurde. Erst im Zuge der Lektüre erfährt der Rezipient mehr über die fotografierten Lieblingsplätze: sie werden geografisch im Stadtgebiet verortet; die dort herrschenden Geräusche werden beschrieben und ihre Besonderheiten genannt; es wird versucht zu erklären, was sie zu persönlich schönsten Orten macht.

Die Werkgruppe lebt von dem bewussten Zusammenspiel zwischen Bild und Text, sodass sich fragen lässt, in welchem Verhältnis die beiden Medien zueinander stehen? Liefert das Bild die Illustration zum Text? Erklärt der Text das Bild? Bild und Text ergänzen sich und präzisieren durch ihre jeweils eigenen medienspezifischen Möglichkeiten eine gemeinsame Aussage. So bedarf es sowohl der transkribierten Antworten, um den Fotografien einen Kontext zu geben und das Fotografierte zu verorten, als auch der Aufnahmen, um dem vom Text evozierten, im Kopf imaginierten Ort ein Bild entgegenzusetzen, an dessen Wahrheitsgehalt nicht gezweifelt wird.

Dies zeigt nicht zuletzt die Interviewaussage von The People, die abgedruckt und gerahmt als einzige für sich alleine steht. Sie stammt von Ahmed Basiony,[1] dem Verstergaard die Arbeit gewidmet hat. Sein schönster ‘Ort’ bildet sich durch die Menschen, die sich auf der Suche nach Ungezwungenheit und Freiheit auf Nilschiffen vergnügen. „Because it is on the water, there is no government, no nothing, only the boat and the water.“ Menschen, die Orte aufsuchen, wo sie sich unabhängig der politischen Regeln verhalten können. Die erwarteten, bildlichen Repräsentationen der von Basiony beschriebenen Szenen fehlt jedoch – ob sie nie existierten oder bewusst ausgeklammert wurden, ist nicht bekannt. Basiony Umschreibung endet mit dem Satz „We love the love! If the government opens up you can see it everywhere“ – im Kampf dafür starb er im Januar 2011 während der Proteste gegen die Regierung.

In den übrigen Gruppen werden die von den Befragten umschriebenen Orte und deren Eigenschaften in den nebengestellten Bildern gesucht und wiedergefunden. Das Gelesene und das Gesehene werden miteinander verglichen, auf Gemeinsamkeiten hin überprüft und schließlich als jeweils andere mediale Repräsentation des gleichen Ortes verstanden – als schriftliche und bildliche.

Auf diese Weise wird in der Rezeption der Arbeit nachvollziehbar, was in der Fototheorie hinsichtlich der Semantik von fotografischen Aufnahmen diskutiert wird. Für den Theoretiker und Künstler Allan Sekula ist eine Fotografie allein nicht in der Lage, eine Bedeutung hervorzubringen, und stellt dadurch eine unvollständige Aussage dar. So kann dasselbe Bild in unterschiedlichen Präsentationszusammenhängen eine Vielfalt von Botschaften vermitteln.[2] Daraus zieht er folgende These: „Ein fotografisches Bild teilt sich aufgrund seiner Verknüpfung mit einem verborgenen oder implizierten Text mit. Dieser Text oder dieses System verborgener Sätze macht das Bild erst verständlich.“[3]Erst durch den Kontext, in dem die Fotografie betrachtet oder eingeschrieben wird, kann sie mit Bedeutung aufgeladen und ‘gelesen‘ werden. So bilden in Notes on the Most Beautiful die exponierten Worte der Unbekannten den Kontext, in dem die Aufnahmen aus Kairo gelesen werden können. Damit erfüllt die Fotografin die von Sekula aufgestellte Forderung nach einer dokumentarischen Strategie, die eine bewusste Kontextualisierung betreibt, diese in das Werk einschreibt und auf diese Weise eine bestimmte Rezeption der Arbeit sicherstellt.

In der Rezeption der Fotoarbeit, die sich aus Lesen und Betrachten zusammensetzt, spiegelt sich Verstergaards künstlerische Strategie wieder, die sie anwandte, um sich besonderen Orten einer ihr unbekannten Stadt zu nähern.

Am Anfang stehen die mündlichen Beschreibungen der Interviewten, deren transkribierte Aussagen schließlich den Aufnahmen zugeordnet werden. Die Texte lassen ihren ursprünglich gesprochenen Zustand noch erkennen und zeigen die unterschiedlichen Reaktionen auf die Frage: längeres Nachdenken spiegelt die Schwierigkeiten bei der Beantwortung wieder; die Suche nach einem schönen sowie gut zu fotografierenden Ort oder die Hinweise auf die günstigsten Lichtverhältnisse und den besten Aufnahmestandpunkt für die Fotografin. Die fotografischen Abbilder zeigen schließlich den Blick Vestergaards durch die Kamera auf die beschriebenen Orte. Doch trotz der Vielfalt an medialen Zugangswegen zu den ‘schönsten’ Plätzen Kairos, kann nur ein Eindruck von diesen vermittelt werden. Schlussendlich muss der Rezipient über die Ränder der Schwarz-Weiß-Aufnahmen ‘hinausblicken’, sich die beschriebenen Lichtverhältnisse, Farben und Geräusche ‘dazudenken‘ und sich, wie in The People, die Orte und nicht zuletzt die Menschen, die diese prägen, selbst imaginieren.

 

Stefanie Dufhues

[1] Es soll daraufhin gewiesen werden, dass Ahmed Basiony selbst als Künstler tätig war und sich für eine Veränderung der politischen Situation in Ägypten stark machte. Seine Antwort auf Verstergaards Frage deutet sowohl die schwierigen politischen Umstände in der Stadt wie auch die Versuche der Bewohner an, Orte zu finden, die frei von diesen sind. Basiony kämpfte für die Freiheit in Ägypten und forderte noch am Tag vor seinem Tod auf „seid nicht ängstlich oder schwach“ („Ein Leben für die Revolution Ahmed Basiony - posthum auf der Biennale“ auf: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/tips/154719/index.html (letzter Zugriff 20.09.2013).) Er war einer der Künstler, der posthum Ägypten auf der Venedig Biennale 2011 vertrat.

[2] Vgl. Allan Sekula, Den Modernismus demontieren, das Dokumentarische neu erfinden. Bemerkungen zur Politik der Repräsentation (1976,1978), in: Hubertus von Ameluxen (Hg.), Theorie der Fotografie IV, 1980-1995, München 2000, S. 120-129, hier S .125.

[3] Allan Sekula, Vom Erfinden fotografischer Bedeutung, in: Bernd Stiegler (Hg.), Texte zur Theorie der Fotografie, Stuttgart 2010, S. 302-337, hier S. 303f.

Notes on the Most Beautiful

By Stefanie Dufhues

Printed in the catalogue for the exhibition Stranger World at Münchner Stadtmuseum, Munich.

2013

 

Stefanie Dufhues is art historian and PhD student, Munich.